Tödliche Vergiftung mit hochkonzentrierter Flußsäure

Mit freundlicher Genehmigung des Betriebsarztes der TU-Berlin.
Flusssäure Betriebsanweisung PDF
Gefährdung durch Flusssäure, Erste Hilfe .. PDF .. Vortrag von Dr. med. Loth (TUB BÄD)
 
Die meisten Glasbläsereien sind mit einem Säureraum ausgestattet und der Umgang mit Flußsäure gehört zu den Aufgaben eines Glasapparatebauers. Daß der Einsatz dieser Säuere besondere Schutzmaßnahmen erfordert ist selbstverständlich. Weniger bekannt ist die Tatsache, daß die Benetzung der Hautoberfläche mit hochkonzentrierter Flußsäure zum Tode führen kann, wie folgender Unfallbericht zeigt.
Im Laboratorium eines deutschen Chemieunternehmen wurde im Herbst vergangenen Jahres 85 %ige Flußsäure aus einer 1-Liter-Teflonflasche (B) mit Hilfe eines Labor-Mikrowellenofens (A) über den Schlauch (C) in eine im Abzug (E) aufgestellte Kühlfalle (D) destilliert (siehe Abbildung). Der dünne Teflonschlauch (Durchmesser 3 mm) führte aus der mit einer Kappe verschlossenen Flasche durch die Rückwand des Mikrowellenofens in den direkt benachbarten Abzug.

Unfallhergang:

Während der Destillation betrat ein Mitarbeiter in kurzärmeliger Sommerkleidung das Labor, um rasch etwas abzugeben. In diesem Augenblick platzte die Teflonflasche, die Tür des Mikrowellenofens schlug auf, und heiße Flußsäure spritzte heraus. Der Mitarbeiter wurde von etwa 50 ml Flußsäure am Oberarm getroffen. Obwohl er die Flußsäure sofort unter der Notdusche abspülte und kurz darauf vom Betriebsarzt fachgerecht versorgt und mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde, verstarb er wenige Stunden später.
Die vorliegenden Informationen über das Ereignis lassen folgende Fehler vermuten:
Die verwendete Destillationsapparatur und ihr Aufbau entsprachen nicht dem Stand der Technik. So befanden sich der Mikrowellenofen mit der Teflonflasche und der Schlauch außerhalb des schützenden Abzugs. Die zum Heizen der Destillation verwendeten Mikrowellen können lokale Überhitzungen bewirken. Eine temperaturgeregelte Heizung war offenbar nicht vorhanden. Vorkehrungen gegen Siedeverzug in der Teflonflasche waren vermutlich nicht getroffen worden. Der Mikrowellenofen verfügte über keine Druckentlastungseinrichtung. Außerdem war der verwendete Schlauch im Verhältnis zum Destillationsvolumen viel zu dünn dimensioniert. Ein Druckaufbau war dadurch vorprogrammiert. Der verunglückte Mitarbeiter trug keinen schützenden Labormantel.
Der Berufsgenossenschaft Chemie sind weitere schwere Unfälle mit Flußsäure bekannt, bei denen insbesondere Augen und Hände verletzt wurden.
Die von Flußsäure, Fluorwasserstoff und sauren Fluoriden ausgehenden Gefährdungen, insbesondere die Einwirkung auf die Haut, wird bei solchen Unfällen oft erheblich unterschätzt.
Flußsäure, Fluorwasserstoff und saure Fluoride wirken außergewöhnlich stark ätzend und durchdringen rasch die Haut. Schon in geringen Mengen und niedrigen Konzentrationen zerstören sie tiefere Gewebeschichten und können durch Bindung an Calcium- und Magnesiumionen lebenswichtige Enzyme hemmen. Die Folge können akut lebensbedrohende Stoffwechselstörungen sein. Massive Einwirkung oder hohe Konzentrationen führen - unabhängig über welchen Aufnahmeweg - zum Tod. Bei geringeren Konzentrationen kommt es zu Verätzungen und Brennschmerz der Haut. Nicht selten stellen sich Schmerzen erst Stunden nach der Einwirkung ein.

Maßnahmen zur Vermeidung von Unfällen:

Beschäftigte, die mit Gefahrstoffen wie Flußsäure, Fluorwasserstoff und anorganischen Fluoriden umgehen, müssen über die Gefährdungen, die richtigen Schutzvorkehrungen und Erste-Hilfe-Maßnahmen unterrichtet sein und über das richtige Verhalten bei Arbeitsunfällen unterwiesen werden. Ärztliche Hilfe unter Hinweis auf Flußsäure ist bei Unfällen unverzüglich in Anspruch zu nehmen. Dies gilt auch für scheinbar geringfügige Verätzungen.
Das Ätzen von Glas und Laborarbeiten mit Gefahrstoffen, bei denen Gase, Dämpfe oder Schwebstoffe in gefährlichen Konzentrationen auftreten können, dürfen grundsätzlich nur in Abzügen ausgeführt werden. Die Frontschieber sind bei derartigen Arbeiten geschlossen zu halten. Außerhalb von Abzügen darf nur gearbeitet werden, wenn durch geeignete Schutzmaßnahmen oder die Art der Arbeit sichergestellt ist, daß die Mitarbeiter keiner Gefährdung durch Gefahrstoffe ausgesetzt sind.
Komplette Destillationsapparaturen aus Teflon für beispielsweise Flußsäure sind kommerziell erhältlich. Die Destillation darf nur temperaturgeregelt beispielsweise mittels Ölbad vorgenommen werden. Es sind Maßnahmen gegen Siedeverzug zu treffen. Auch muß die Apparatur so dimensioniert werden, daß es nicht zu einem plötzlichen Druckaufbau kommen kann.
Laboratorien und Säureräume in Glasbläsereien dürfen nur mit der dort vorgeschriebenen Schutzausrüstung (Mindestanforderung: Gestellbrille und geschlossener Labormantel) betreten werden. Beim Arbeiten mit Flußsäure, Fluorwasserstoff und anorganischen Fluoriden im Abzug ist zum Schutz vor Spritzern Korbbrille, Gesichtsschutzschirm, Gummischürze und langärmelige Schutzhandschuhe aus Fluorkunststoff oder Butylkautschuk zu tragen.
Die verwendeten Handschuhe dürfen unter keinen Umständen Beschädigungen aufweisen. Empfehlenswert sind auch Abzüge, bei denen - wie bei einer "Glove-Box" - die Schutzhandschuhe in die Frontschieber eingebaut sind. Bei Tätigkeiten mit erhöhtem Freisetzungsrisiko wie Umfüllen, Reinigen, Erhitzen oder Destillieren sollte im Abzug eine zusätzliche Schutzscheibe aufgestellt werden. Als Auslaufschutz hat sich die Aufstellung einer Auffangwanne im Abzug bewährt.